Während meiner Schwangerschaft habe ich nach Berichten gesucht was mich denn erwartet, und was ich realistisch erwarten kann von meinem Wunsch baldigst wieder Kunst zu erschaffen und weiter daran zu arbeiten davon Leben zu können – während man ein Neugeborenes zu Hause hat. Wie lange kann ich tätowieren in der Schwangerschaft? Wann kann ich wieder anfangen zu zeichnen? Wann kann ich wieder verkaufen?
Es folgt ein ehrlicher Bericht über meine Erfahrungen. Ich konzentriere mich dabei nur auf meine eigene empfundene Gefühlswelt und Wahrnehmung in Form eines Tagebuchs:

Status: das letzte Drittel der Schwangerschaft
Werde ich sterben? Tausend Dinge die noch erledigt werden müssen. Die Hälfte davon ist wohl nicht mehr zu schaffen. Unsicherheit, die letzten Tage vor dem Kaiserschnitt. Schmerzen in den Händen und Füßen, ich bin wie ein Drache – der Hals brennt und ich fühle mich als würde Rauch aufsteigen beim Aufstoßen. Ewiges Sodbrennen, Tag und Nacht, alles fällt schwer. Symphysenlockerung die das Liegen, Laufen und Drehen mit weiteren Schmerzen segnet.

Ein paar wenige Skizzen habe ich in der letzten Zeit erstellt – unter anderem diese hier Milch und Blut – der Beginn eines neuen Zyklus.
Wirklich schwer wird es jetzt im letzten Drittel der Schwangerschaft. Jede Frau hat andere Symptome, am meisten behindert haben mich meine angeschwollenen Hände und Füße. Lady Fathands nennt mich mein Mann, ich lache jedes Mal bei diesem neuen Titel.

Meine Finger fühlen sich an als würde man sie in heißes Wachs tauchen, und sie prickeln wie ein eingeschlafener Arm und verlieren immer mal wieder an Gefühl. Das tätowieren musste ich damit früher aufgeben als ich es mir eingestehen will. Auch das halten eines Stiftes ist kaum noch möglich.
Status: 2 Wochen nach der Geburt
Die Schwellungen lassen langsam nach, noch immer sind meine Hände und Finger taub und prickeln. Ich traue mich nun öfter zu zeichnen – sofern es mein schlafloses Gehirn überhaupt zulässt. Manchmal sind es Stunden in denen das Kind schreit, wir sind ratlos, verzweifelt, tanzen den Tanz der Möglichkeiten – Wickeln, tragen, wiegen, hüpfen … tanzen den Tanz vorwärts und rückwärts.
Es bleibt keine Zeit, für nichts. Der Körper schrumpft weil man nicht mehr isst. Hunger und Durst rücken in den Hintergrund, alles rückt in den Hintergrund.

Hier und da heißt es „Melde dich wenn du etwas brauchst“. Aber ich kann mich nicht melden. Ich habe keine Zeit das Telefon zu checken, zu managen wer uns was vielleicht bringen kann. Zu bitten und ggfls. zu verhandeln, Zeitpläne aufzustellen. Ich schaffe es nicht einmal selbst zu Essen und zu Trinken. Ich rieche nach altem Blut welches ununterbrochen aus mir fließt und Milch tropft ständig überall hin – auf den Boden, auf Klamotten, auf das Kind. Andere Menschen einzuweisen in mein Leben ist keine Option mehr. Da ist aber kein Groll, ich schäme mich einfach selbst gegenüber allen Müttern denen ich im Wochenbett keine Hilfe war. Man weiß es einfach nicht besser.

In den wenigen freien Minuten starre ich nur mit großer Müdigkeit auf ein leeres Blatt vor mir. Schlafen, wenn das Kind schläft heißt es überall. Und gleichzeitig hängt der plötzliche Kindstod wie ein wartendes Unheil über einen, bereit im Schlaf zu erscheinen wenn man selbst wehrlos und erlöst ist.

Status: 3 Wochen nach der Geburt
Es fühlt sich an als würde man sich langsam auflösen. Alles was dich ausgemacht hat verschwindet langsam.
Der Verzicht auf so einige Laster läuft schon fast ein Jahr, und noch mehr wird aus dir herausgezogen. Deinen Partner gibt es erstmal nicht. Kein ruhiges beieinanderliegen. Anspannung ersetzt Zärtlichkeit. Trost findest du nicht mehr in den Armen des Anderen, denn dort liegt jetzt das Kind.

Alle Augen schauen auf das Kind, und es ist als ob du selbst dich auflöst. Was hast du getan in deinem vorherigen Leben? Es ist jetzt nicht mehr relevant. Keine Zeit, keine Kraft um sich um etwas anderes zu bemühen, immer mehr Teile deiner selbst gehen in Rauch auf. Du verschwindest einfach.

Status: 4 Wochen nach der Geburt
Das Kind schläft länger, es sind immer mehr Minuten die an einem Tag zusammenkommen. Nicht viele, aber genug um mit Hilfe meines Mannes auch das Haus zu verlassen, allein einen Kaffee beim Bäcker um die Ecke zu trinken.

Die ersten Male war es ein solches Hoch – so müssen sich die Toten fühlen bei Ihrer Auferstehung.
Die Nächte bleiben kurz – selbst wenn das Kind es schafft zu schlafen muss es alle 2-3 Stunden gestillt werden. Die Knie fangen auf einmal an verdammt weh zu tun. Bei jedem beugen, in der Nacht und am Tag. Aber es wird ein wenig leichter mit der Zeit – oder besser gesagt, ein kleines bisschen weniger höllisch – vor allem wenn später die eine oder andere Stunde Schlaf nachgeholt werden kann. Ohne meinen Mann wäre es unmöglich, wir wechseln uns in Schichten ab – wie schaffen es Alleinerziehende?

Ein paar Skizzen schaffe ich hinzuwerfen. Nach ein paar Minuten kommen das alte Kribbeln und die Taubheit zurück. Aber weniger Verzweiflung in meinem Leben, Hoffnung erscheint.
Status: 8 Wochen nach der Geburt
Langsam finden wir einen Flow – langsam und immer wieder mit Unterbrechungen. Mit dem Kind zusammen zu schlafen würde mich in den Wahnsinn treiben, da man immer mit einem geöffnet Auge schläft. Wir haben uns also in einem Schichtsystem eingegroovt. Von 20 Uhr bis 3 / 4 / 5 Uhr morgens läuft meine Schicht. Dauer je nachdem wie fordernd das Kind ist und wann mein Partner aufwacht. Nach der Übergabe darf ich schlafen bis Mittags – natürlich mit Unterbrechungen zum Stillen. Meistens schaffe ich es über den Tag verteilt genug für eine extra Portion abzupumpen, sodass ich auch 4 Stunden durchgehend schlafen darf. Ab Mittag gibt’s dann meist ein kleines Nickerchen für meinen Partner, und dann teilen wir uns die verbleibende Zeit bis meine Schicht wieder losgeht. Läuft es gut in diesen gemeinsamen Stunden, darf ich mich auch zum Zeichnen davon schleichen. Tausend Dinge bleiben trotzdem liegen, meine Priorität ist beim Zeichnen. Nach so einem Ausflug ist es als würde sich ein Stück von dem Nebel in den ich mich aufgelöst habe wieder verfestigen. Aktuell fahre ich mit dem Fahrrad zum Cafe „Tales untold“ am Comeniusplatz. Dort ist sogar der schwarze Kaffee genießbar und die Tische sind separat und angenehm zum skizzieren.

Manchmal habe ich Glück in meiner Schicht, wie heute. Dann lässt sich das Kind ablegen und es schläft ruhig und friedlich in seinem Bettchen bis es sich wieder für einen Snack meldet.
Oft funktioniert das auch überhaupt nicht. Dann will das Kind nur getragen werden – nicht irgendwie sondern genau so das es möglichst unbequem für einen selbst ist. Und selbst dann reicht es ihm nach einiger Zeit und es fängt an zu weinen sodass man stehen muss, laufen, wiegen usw. usw. Dann ist man dankbar wenn das Kind zufrieden ist obwohl man sitzt – und hat vielleicht noch eine Hand frei um wenn es wirklich gut läuft ein bisschen auf dem Ipad zu kritzeln. Zum Zeichnen komme ich während meiner Schicht also so gut wie nie. Einmal weil man ständig unterbrochen wird in seiner Konzentration, und weil die Geduld und geistige Kapazität mit quengelndem Kind stark nachlässt.
(Dieser Bericht wird in der nächsten Zeit fortgesetzt)

