KI als Chance für die Tattoo Welt? Eine Künstlerbefragung

Künstliche Intelligenz ist überall – in den sozialen Netzwerken haben die meisten Captions inzwischen den typischen Rhythmus von Chat GPT angenommen. AI Slop und Kung Fu Katzen Videos (letzteres ist übrigens eine absolut berechtigte Verwendung von KI) haben den digitalen Raum überflutet.

Es ist das Jahr 2026 – und nie kann man sich wirklich sicher sein ob das Home Video oder der furchtbare Anschlag real sind oder nicht. Mit KI werden alte Songs in neue Genres gepackt und die E-Mail an den nervigen Chef etwas netter formuliert. Jede Suchanfrage bei Google wird zuerst durch den KI Assistenten beantwortet und manche Privatanrufe landen automatisch beim KI Sekretär der erstmal nach dem Grund des Anrufs fragt bevor der telefonische Kontaktversuch überhaupt an die jeweilige Person durchgestellt wird.

Und die Kunst? Auch sie wurde überrollt. KI wurde mit menschlicher Kunst trainiert, damit sie diese neu mischen und ausgeben kann. Eine Kompensation erhalten die Künstler dafür nicht. Natürlich kann man dem entgegenhalten, dass KI Kunst (aktuell) fast immer als solche erkennbar ist. Und ein letzter künstlerischer Akt notwendig ist um diese zu perfektionieren – und es damit nur ein Werkzeug im Baukasten der Künstler dieses Jahrhunderts ist. Oder, dass Menschen auch nur von anderen Künstlern lernen, deren Werke ansehen und neu mischen und dies die Basis der eigenen Schöpfung sei. Wo wäre da der große Unterschied zur KI, welche sogar allen Menschen, jederzeit zur Verfügung steht? Könnte die Welt damit nicht sogar ein bisschen besser werden?

Könnte das künstlerische Niveau angehoben werden, und schlechte Tattoo Desings sind damit ein Relikt der Vergangenheit? Ketzerische Gedanken für die meisten Künstler, die den Kern von Kunst und Schöpfung als unantastbar durch Technologie sehen.

Andrej Zwetzig ist einer der Künstler mit denen ich gesprochen habe:
Ob KI auch ein Gewinn für die Tattoo Welt sein kann, weil es z.B. das künstlerische Niveau im Grundsatz anhebt, antwortete er pragmatisch:

„Ich denke das es vor allem für Kunden besser ist, weil durch die Nutzung der KI die Kunden nicht mehr mit gleichen Löwen rumlaufen werden, sondern jeder hat seinen eigenen persönlichen Löwen mit einer Krone, Lieber so, als wenn die selben Tätowierer meine Motive stehlen würden.“

Sorge, dass die Konkurrenz ihm dadurch Kunden nehmen könnte, habe er aber nicht. Zu ihm würden die Menschen wegen seinem persönlichen Stil kommen. Diejenigen, die das individuelle und künstlerische schätzen, kommen zu dem Künstler, der etwas eigenes Besonderes schaffe und auch wiedererkennbar wäre.

Er selbst benutzt keine KI als Grundlage für seine Bilder. Dafür ist sie ihm anatomisch zu unkorrekt. Und eigene visuelle Lösungen für seine Tattoos zu finden ist gerade das, was ihm am meisten Spaß macht – ein Motiv wird in der Form nur einmal gestochen.

Andrej scheint sich keine Sorgen über eine Bedrohung der Tattoo Welt (oder seinem eigenen künstlerischen Erfolg) durch die KI zu machen.
Ein echter Künstler würde immer erkannt werden, und am Ende geht es den Menschen nicht nur um das Bild sondern auch um den Menschen, der das Bild kreirt.


Andrej Zwetzig



…ist freischaffender Künstler und Tätowierer in Berlin und betreibt das Künstlerkollektiv „Wir sind Atelier“  in Berlin Hellersdorf.  Er zeichnet sich durch seine detailverliebten Tintenzeichnungen und dem Engraver Stil in seinen Tattoos aus. Wir durften ihn auf der Tattoo Convention 2025 in Berlin kennenlernen, und wurden von seiner lieben Art sofort umhüllt.

Mehr von Andrej findet ihr hier:

Webseite
Instagram
(andrej.zwetzig)

Da muss ich ihm Recht geben. Zumindest, was den Teil mit dem Künstler betrifft. Auch ich bin immer wieder erstaunt, wie wichtig die Persönlichkeit des Künstlers für den Betrachter ist. Natürlich nicht in allen Fällen – es gibt genügend Menschen die ein schönes Bild sehen und genau dieses Motiv haben möchten – egal ob es schon tausend mal tätowiert wurde und egal wer es tätowiert, hauptsache der Preis stimmt. Da ist es auch ganz egal ob KI oder Menschenhand das Bild erschaffen haben.

Doch gibt es eine ebenso beachtliche Anzahl von Menschen die „Ihren“ Tätowierer haben – wie sie auch ihren Friseur haben. Es wird ein freundschaftliches Band geschlossen, ein vertrauensvolles Verhältnis als Basis für lange und schmerzvolle Stunden. Ich war sehr erstaunt darüber, als eine Kundin mir erzählte dass Sie nun ein Cover Up ihres frischen Tattoos plante. Es war ein schönes Tattoo, gut gestochen, gut platziert – was gefiel ihr nicht?
Es war das Erlebnis beim Tätowieren. Die Tätowiererin unterhielt sich im Studio mit anderen Tätowierern auf einer fremden Sprache während der gesamten Sitzung und hatte auch sonst keine große Verbindung aufgebaut zu ihrer Kundin. Diese negative Erfahrung hat ausgereicht um ein gutes Tattoo verdecken zu wollen.

Und genauso lieben Menschen ihre Tattoos selbst wenn diese fehlerhaft sind oder unperfekt. Weil Sie die Verbindung mit dem Tätowierer geschätzt haben, einem echten Menschen nahe zu sein, seine Gedanken mit ihm zu teilen.

Auf der Tattoo Convention Berlin 2025 durften wir auch Gino kennenlernen. Er hat sich das tätowieren und die künstlerische Arbeit vor ein paar Jahren selbst beigebracht, und betreibt inzwischen ein eigenes Studio in Argentinien.

Sein Talent zeigt der Familienvater nicht nur in der Kunst, sondern auch beim Schreiben. Auf meine Fragen hin schrieb er ein ganzes Essay, welches so zauberhaft ist, dass ich es als Zitat einbauen muss:

„… Ich denke, dass es heutzutage unmöglich ist, KI nicht zu nutzen – direkt oder indirekt. Selbst Siri basiert bereits auf KI. Ein Foto mit dem Smartphone zu machen oder sogar der Autofokus einer professionellen Kamera sind bereits Funktionen, die KI beinhalten. Sogar der Text, den ich gerade schreibe, wird wahrscheinlich mit Hilfe meines BOT-Freundes korrigiert.

Aus meiner Sicht ist KI einfach nur ein weiteres Werkzeug (oder vielleicht tausende Werkzeuge), und wir sollten sie nutzen. Die Welt, in der wir leben, erlaubt es uns leider nicht mehr, uns so viel Zeit zu nehmen, wie wir gerne hätten, um etwas zu erschaffen.


Ich würde mich am liebsten in meiner Werkstatt einschließen und über Monate hinweg ein einzigartiges Stück bauen, Stunden mit einem winzigen Detail verbringen, eine verborgene Ecke polieren, die niemand jemals bemerken wird. Aber heute ist das einfach nicht mehr machbar. Neben der Erstellung dieses Stücks muss ich auch das Design machen, das Budget planen, eine Materialliste erstellen, die Entwicklung vorantreiben, einkaufen, Marketing betreiben und sogar Inhalte produzieren, um auf Social Media Aufmerksamkeit zu bekommen.

Warum also nicht einige Aufgaben an KI delegieren und Zeit sparen? Die gewonnene Zeit kann man dem kreativen Schaffen widmen.

Ich wende denselben Gedanken auch auf die Kunst an. Nein, ich möchte nicht, dass KI meine Pinsel in die Hand nimmt und anfängt zu malen. Ich möchte vielmehr, dass sie mir hilft, bestimmte Situationen zu lösen. Die meisten meiner Gemälde und Tattoos basieren auf der Realität. Ich nutze viele Referenzen: Gesichter, Tiere, Möbel, Schädel. Manchmal verwende ich Fotos, die ich selbst gemacht habe, manchmal Stockfotos, und sehr oft nutze ich KI, um Referenzen zu erstellen, Variationen meiner Kompositionen zu generieren oder ein altes Foto zu verbessern, dem es an Schärfe fehlt. Es ist unglaublich, wie wir den Lichteinfall verändern oder einem Modell Kleidung oder Texturen hinzufügen können.

Das Problem entsteht, wenn zu viel Hilfe durch KI unsere Arbeit verwässert. Diese bedeutungslosen Verzierungen, diese seltsamen Schlangen oder diese Hände mit zu vielen Fingern. Es ist sehr offensichtlich, wenn ein Künstler ein Design mit KI generiert und es exakt so tätowiert. Sie sehen schrecklich aus, und alles beginnt gleich auszusehen. Ich sehe das sogar bei Flyern oder Beschilderungen: alles wirkt monoton, alles robotisch.

Wenn ich selbst etwas ohne Persönlichkeit sehe, scrolle ich einfach weiter. Ich kann dem keine Aufmerksamkeit schenken oder es wirklich wertschätzen.

Offensichtlich führt die Leichtigkeit, mit KI Dinge zu erschaffen, zu einer Flut mittelmäßiger Arbeiten. Aber ich glaube nicht, dass uns das wirklich schaden wird, denn die mit Bleistift und Papier erstellte Zeichnung ist immer noch da. Dieser Siebdruck mit einer leicht abgenutzten Stelle oder dieser Farbtropfen verleiht dem Ganzen so viel mehr Wert. Ich möchte kein Poster, das in industriellen Mengen gedruckt wird; ich möchte diese kleine, schmutzige, zerknitterte Skizze, die von einem menschlichen Künstler gemacht wurde.



Der Weg des Künstlers ist heute ein schwieriger. Es ist nicht leicht, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, bei all dem, was erledigt werden muss. Wenn wir heute Kunden oder Reichweite wollen, sind wir stark von sozialen Medien abhängig, die leider weder Einsatz noch Hingabe oder Talent belohnen. Und wenn wir KI nutzen können, um den Weg ein wenig zu erleichtern – warum nicht?

Noch vor nicht allzu vielen Jahren brauchte man für eine Luftaufnahme einen Hubschrauber, einen Piloten, einen Kameramann und eine extrem teure Kamera. Ist es falsch, dass wir das heute durch eine Drohne für 100 Dollar ersetzen können? Nein. Wir müssen uns weiterentwickeln, lernen und dürfen nicht in der Vergangenheit stecken bleiben.

KI ist ein Werkzeug, und als solches sollte sie uns helfen, nicht die Arbeit für uns erledigen.

KI in den falschen Händen wird keine guten Ergebnisse liefern – genauso wie ein neuer, teurer Pinsel dich nicht automatisch besser malen lässt.


Ich denke, es sollte mehr zugängliche Bildung über diese neue Welt geben, die KI geschaffen hat. Heute ist es schwierig, ein KI-generiertes Video von einem echten zu unterscheiden. Das sieht man auch in der Tattoo-Welt. Ich spreche nicht von „Fake-Künstlern“, die Tattoos posten, als wären sie echt, sondern von unseren Kunden, die mit wenig Wissen darüber, wie Haut, Tinte und Kunst tatsächlich funktionieren, von dem in die Irre geführt werden können, was KI ihnen zeigt.

Heutzutage ist es sehr üblich, dass ein Kunde nach einem Tattoo fragt und uns sein eigenes, mit KI generiertes Design schickt. Ich verurteile das nicht – im Gegenteil, es ist eine gute Möglichkeit für sie, zu zeigen, was sie sich vorstellen. In solchen Fällen versuche ich, sie aufzuklären und zu erklären, warum bestimmte Dinge auf Haut einfach nicht möglich sind. Noch schlimmer ist es, wenn sie ein Cover-up wollen und die KI einfach das alte Tattoo entfernt und ein neues darüberlegt, ohne zu verstehen, wie Tätowieren wirklich funktioniert.



Ich glaube, dass alle menschlichen kreativen Prozesse auf Referenzen basieren, ob direkt oder indirekt. Das Gehirn speichert Bilder, verändert sie, analysiert sie, erinnert sich daran, und daraus entwickeln wir nach und nach unseren Stil (etwas, das der Arbeitsweise von KI ziemlich ähnlich ist). Wir sollten nicht gegen das ankämpfen, was kommt. Je früher wir verstehen, dass wir damit leben werden, desto leichter wird es.

Lasst uns den Künstler, den Handwerker und den individuellen Stil wertschätzen. Lasst uns mehr Werk von Menschen kaufen und weniger Abonnements und Lizenzen.


Mein morgendlicher Kaffee wird immer aus einer Keramiktasse eines Künstlers getrunken werden – und das wird KI niemals übertreffen.“

Gino Scalone

Ich bin Gino Scalone, ein Tätowierer aus Puerto Madryn in Argentinien.

Ich habe Ende 2021 mit dem Tätowieren und Malen begonnen – dank eines unerwarteten Geschenks meiner Mutter: einer Schachtel Buntstifte. Ich hatte weder Erfahrung noch eine formale Ausbildung, aber das hat mich nicht davon abgehalten, dass es innerhalb weniger Monate zu meiner Lebensweise wurde. Vor der Kunst habe ich in der Metallverarbeitung gearbeitet. Meine Werkstatt habe ich immer noch, aber heute ist sie zu meiner persönlichen Höhle geworden, in der ich malen, schweißen oder alles erschaffen kann, was mir in den Sinn kommt.

Im Jahr 2024 habe ich ein privates Studio eröffnet, in dem ich zusammen mit sechs weiteren Künstlern arbeite. Diesen Raum zu schaffen und den Alltag mit anderen zu teilen, hat mir sehr geholfen, mich in Bezug auf Techniken, Stile und Ideen weiterzuentwickeln.

Derzeit konzentriere ich mich auf realistische Designs und integriere Elemente aus Blackwork und Illustration als Werkzeuge, um die Langlebigkeit meiner Tattoos zu verbessern. Ich bin ständig auf der Suche nach der Komposition, die am besten passt, um eine Harmonie zwischen dem Tattoo und der natürlichen Bewegung des Körpers zu erreichen.

Glücklicherweise hat mir das Tätowieren ermöglicht, verschiedene Länder, Studios, Stile und unglaubliche Menschen kennenzulernen. Ich hoffe, dass sich meine Zukunft in dieser Branche weiterhin in die gleiche Richtung entwickelt – immer am Schaffen.

Hier kannst du Kontakt zu Gino aufnehmen:
Instagram (menhir.tattoostudio und ginostattoo)



Danke Gino, für dieses großartige Essay. Im Anschluss daran schickte er mir sogleich eine Anfrage eines Kunden der die KI für seine Idee genutzt hat ——>



Falls ihr jemals die Möglichkeit habt Gino hier in Europa oder in Argentinien zu erwischen, lasst euch unbedingt von ihm tätowieren! Er wird euch mit seiner tollen Persönlichkeit sofort überzeugen, und wir hoffen ihn bald wieder zu sehen!


Fazit

Studios mit KI Generatoren füllen offensichtlich eine Marktlücke. Kein langes warten, das Design ist sofort verfügbar und der Tätowierer wird zum Dienstleister, wie es eben auch ein Bäcker oder Tischler ist. Und daran ist auch nichts verwerflich. KI unterstützt nun die Tätowierer, die sich weniger als Künstler sondern als Handwerker oder Arbeiter ansehen. Viral gegangen ist mit diesem Thema folgender Satz:

Wer mit den Händen arbeitet, ist ein Arbeiter – wer mit Händen und Verstand arbeitet, ist ein Handwerker – und wer mit Händen, Verstand und Herz arbeitet, ist ein Künstler.

Nun ist auch meine Meinung zu Künstlern (und damit auch zu mir selbst) nicht unbefleckt. Gerade in Berlin fehlt mir oft das Handwerk und damit die Basis in künstlerischen Arbeiten, was durch allzu viel Herz noch schmerzlich unterstrichen wird. Die meisten Künstler mit denen ich gesprochen habe, sind entrüstet über die Nutzung von KI. Auch Andrej und Gino machen klar, dass der Künstlerische Beruf ausgewählt wurde gerade um Kunst selbst zu erschaffen. KI würde den Teil übernehmen, der sie erst dazu gebracht hat das Tätowieren zu beginnen.
Und so ist es auch bei mir – für mich ist das Tätowieren ein Weg eine Karriere mit meinen eigenen Illustrationen aufzubauen. Wenn es nur darum ginge schnell Termine zu akquirieren um Geld zu machen würde ich beim Juristen Job bleiben, oder hätte die Würstchen Bude meiner Mutter übernommen. Aber darum geht es den meisten gerade nicht. Die eigene kreative Arbeit auf einen Menschen zu packen ist ein unglaublicher Akt, nicht nur handwerklich sondern auch zwischenmenschlich bedeutsam.

Ich möchte es gern so sehen, dass Tätowierer die KI generierte Bilder nutzen ein wichtiges Klientel bedienen, mit denen Tätowierer mit künstlerischen Ansprüchen an sich selbst ohnehin unglücklich gewesen wären. Eine Symbiose von der beide Seiten profitieren können.


Blogposts