„Kannst du davon leben?“ Auf einem Flohmarkt fragt mich ein Mädchen mit Augen voller Hoffnung. Lachend muss ich den Kopf schütteln. „Eines Tages vielleicht“. Sie schaut sich meine Illustrationen an, auf Aufnäher und Papier. Geschafft habe ich es noch nicht, aber jeder Babyschritt bringt mich diesem Ziel etwas näher. Einmal echter Künstler sein. Einmal von seiner Kunst leben zu können – Irgendwann einfach nur illustrieren – und sich keine Sorgen machen über Fixkosten.

Aktuell tanze ich dafür auf vielen Hochzeiten gleichzeitig. Ich bin Schuldnerberater in Teilzeit um sicher zu gehen immer meine Miete zahlen zu können – und die Krankenversicherung. In meiner „freien Zeit“ tätowiere ich, illustriere und verkaufe auf lokalen Berliner Märkten. Ich habe es für kurze Zeit auch mal Vollzeit als Künstler probiert, aber das wurde mir schnell zu viel. Zu viel Druck Geld zu machen, jeden Monat. Das schlägt sich auf die Kunst nieder. Ich habe gemerkt, dass mein Blick nur noch zum Geld ging – was bringt mir wieviel? Welche Motive funktionieren? Nach dieser Logik müsste ich nur noch süße Katzenbilder malen. Ich liebe süße Katzen, aber sie kommen bisher nicht aus meinem Stift raus. Stattdessen: Raben, Schlangen die mit Hasen kämpfen, Hexen und mythische Wesen. Die Jagd nach Geld hat mich absolut blockiert. Also zurück zur Teilzeit Arbeit.

Pausen auf Arbeit werden produktiv genutzt.
Damals hatte ich auch nach einer Tattoo-Ausbildung gesucht. Tätowierer, das ist kein anerkannter Ausbildungsberuf hier in Deutschland. Ich habe bei einigen Studios angefragt, und die wenigen die wirklich „Lehrlinge“ suchten, haben die „Ausbildung“ nach folgendem Schema durchgezogen: „Erstmal arbeitest du ein Jahr für uns. Vollzeit – und natürlich schwarz, Gehalt gibt’s nicht. Nach einem Jahr bringen wir dir dann das tätowieren bei.“ Na danke – gleich mal den Staat bescheißen (wie soll man sich sonst sein Leben finanzieren, wenn man kostenlos in Vollzeit arbeitet?), oder prostituiert man sich nebenbei? Das Jura Studium hatte ich zu dem Zeitpunkt schon hinter mir. Ein Jahr Knechtschaft mit dem Ausblick vielleicht dann etwas Tätowierhandwerk beigebracht zu kriegen – oder auch nicht (Horrorgeschichten von zwielichtigen Studios hört man dann auch genug).
Ich kann natürlich auch die Studios verstehen. Die haben Angst jemandem etwas beizubringen – nur damit der sich dann verzieht und nebenan das neue Konkurrenzstudio aufmacht… aber das ist das Thema eines anderen Blogartikels.

Eines der schönsten Drachen Tattoos die ich bisher machen durfte
Also frage ich direkt bei Tätowierern an denen ich folge und die ich schätze. Viele Absagen. Öfter erhalte ich den Hinweis, dass diese selbst aus oben genannten Gründen nicht im Studio gelernt haben, sondern sich alles selbst beigebracht haben. Am besten lerne man – indem man sich tätowieren lässt und beim Prozess Fragen stellt und beobachtet.
Und so ging es los – vor nun knapp drei Jahren. Zunächst habe ich mich beim Tattoo-Maschinen Kauf ordentlich übers Ohr hauen lassen, und viel zu viel für ein Set mit Maschine, Fake Skin usw. hingelegt. Ein privater Kauf über Ebay Kleinanzeigen von einem Tätowierer der seine alte Maschine und ein paar Utensilien loswerden wollte. Aber aller Anfang ist schwer. Das erste Jahr habe ich ausschließlich auf Silikonhaut geübt, es gibt etliche kostenlose Videos auf Youtube, und am Ende ist es wie beim Zeichnen auch – Erfahrung und Übung.
Mein erstes Tattoo habe ich mir dann selbst am Fuß gestochen, eine kleine Schlange, die erfreut mich immer noch jedes Mal in der Badewanne. Das erste Tattoo sollte man sich immer selbst stechen, hörte ich immer wieder – und richtig machen wollte ich es. Die ersten Klienten habe ich über Ebay Kleinanzeigen gefunden. Zuerst habe ich probiert kostenlose Tattoos zu stechen, aber das ging ordentlich in die Hose. Viele Anfragen und niemand ist aufgetaucht, absolute Katastrophe. Auch hier gilt: Was nichts kostet, ist auch nichts Wert. Und so musste ich anfangen für meine ersten Schritte Geld zu verlangen. Nur ein bisschen für die Fixkosten – und so ging es langsam aufwärts. Und es gibt nichts besseres, als die eigenen Illustrationen zu tätowieren. Das ist eine verdammte Ehre. Zu sehen, dass jemand dein Bild bei sich tragen möchte – immer und überall, und das der Welt zeigen möchte. Das ist ein unglaubliches Gefühl. Einen Print kann man irgendwann von der Wand hängen. Aber ein Tattoo? Da muss man schon wirklich etwas spüren um sich für das Motiv zu entscheiden. Und am Ende ist die Kunst genau dafür da – man glaubt erstmal das Bild springt ganz aus dir selbst heraus, ist ein Ausdruck deiner eigenen Welt. Und dann erkennt sich ein anderer Mensch darin. Als introvertierter Künstler-Goblin ist das die eine echte Verbindung in die Welt hinaus, die sehr gut tut. Manchmal weiß ich gar nicht wie ich meine Dankbarkeit und Wertschätzung gegenüber Menschen ausdrücken kann, die sich von mir tätowieren lassen. Falls du also zu diesem Kreis gehörst: Danke! Es ist eine unglaubliche Erfahrung das machen zu dürfen, und ich hoffe dich das spüren gelassen zu haben.
Also weiter mit der Kunst – und mit dem jonglieren von mehreren Jobs. Aber Künstler wird man, weil man es muss. Nicht weil man es sich auswählt. Schon als Kind habe ich diese eigenartigen Bilder gemalt, immer gemalt. Und immer wurde mir gesagt, dass Kunst keine Zukunft ist – brotlos und arm ist die Zukunft eines Künstlers. Und so wollte ich nicht enden. Ich wusste schon früh, dass ich eine Familie möchte. Und eine Familie braucht Geld. Und wie kann man sicher Geld erarbeiten? Ab zum Jura Studium. Wie schwer kann das sein? (Sehr schwer, traumatisch). Und nun? Der Traum Künstler zu sein, ging nicht von mir. Eine Zeit lang habe ich als Jurist gearbeitet – Vollzeit und sehr gutes Geld verdient. Die Kunst hat es aber in mir vergraben. Und da musste ich feststellen: Geld reicht nicht für ein gutes Leben. Nicht wenn das eigene Herz woanders schlägt. Also ab in Teilzeit als Schuldner- und Insolvenzberater. Erstmal für 30 Stunden / Woche. Das war schon hart. Am Wochenende tätowieren oder auf Märkten verkaufen, der eine freie Tag in der Woche wird natürlich auch dafür genutzt – und die restliche Zeit arbeiten als Angestellter. Das habe ich für fast 3 Jahre geschafft, dann ging mir die Puste aus. Ab diesem Jahr dann endlich noch weiter runter mit den Stunden.
Ohne meinen Mann, der mich seit 6 Jahren begleitet, hätte ich es nicht geschafft. Er hilft mit Märkten, baut auf und ab, säumt Aufnäher, ist Kritiker meiner Illustrationen und hilft mit der Webseite.
Als Künstler muss man Allrounder sein. Kunst – Marketing – Networking ….und dabei will man doch eigentlich nur zeichnen! Wie bei allem im Leben ist es einfacher mit Hilfe. Mein Weg wäre viel länger ohne die Unterstützung meines Mannes. Danke!!
Kunst auf Märkten zu verkaufen ist auch eine ganz eigene Welt. Unsere Illustrationen sind kein Mainstream – aber doch können sich einige wirklich davon begeistern lassen. Und das tut der Seele gut. Die Wertschätzung für die eigene Arbeit spüren, zu wissen dass es einige Menschen gibt die deine Arbeiten fantastisch finden – und das direkt von Angesicht zu Angesicht zu erleben ist jede Anstrengung wert.

Das Foto habe ich von einer Freundin zugeschickt bekommen, Sie hat mein Patch in freier Wildbahn entdeckt! (whaaaat)
Es ist ein unglaubliches Gefühl Passanten zu sehen die einen Beutel oder ein Patch mit deinen Illustrationen tragen!
Inzwischen versuchen wir unsere Kunst auch online zu verkaufen. Das hat seine ganz eigenen Hürden. Etsy verlangt kleine Mietzahlungen für jeden Artikel, andere Shops wollen eine monatliche Gesamtmiete – und einen eigenen Shop auf der eigenen Webseite? Da merke ich, dass meine Erfahrungen in einer IT Kanzlei viele Bremsen anspringen lassen. Abmahngefahr hier – Abmahngefahr dort – wie ist es mit der Datenschutzerklärung? Und das Widerrufsformular? Es müssten bestimmte Lieferfristen eingehalten werden, und welche Plugins benutzten wir denn nun eigentlich wirklich?
Manchmal denke ich, dass ich es mir sehr viel schwerer mache als es eigentlich notwendig ist. Das ich einen einfachen Kniff oder Tipp übersehe der alles vereinfachen würde. Wenn du es weißt – teile das Geheimnis mit mir, zwischen Tattoo Termin, Marktstand, Teilzeitjob und Emails mit dem Gewerbeamt.
Mein Traum vom Künstler-Dasein geht also weiter. Der Weg ist lang – aber ich weiß, dass es der richtige Weg ist für mich.
Und dieser Blog ist ein Teil davon.

